Lernen im Internat – ist das noch zeitgemäß?

Lernen im Internat – ist das noch zeitgemäß? 

Internate sind schon immer auf zweigeteilte Meinungen gestoßen. Für die einen sind Internate letztlich nichts anderes als eine Einrichtung, in der sich die verzogenen Sprösslinge von Eltern mit entsprechendem finanziellen und oft elitärem Background versammeln.

Die anderen sehen in Internaten die Chance auf eine individuelle Förderung und ein Karrieresprungbrett für den Nachwuchs. 

Dass Internat nicht gleich Internat ist und ein privates Internat, ein staatliches Hochbegabteninternat, eine Privatschule und eine Bildungseinrichtung, in der Azubis ihre Berufsausbildung absolvieren, nicht unbedingt in einen Topf geworfen werden können, geht meistens unter. Als Fazit bleibt lediglich, dass sich Internate in jüngerer Vergangenheit wieder zunehmend wachsender Beliebtheit zu erfreuen scheinen.

Dabei stellt sich aber die Frage,
wie zeitgemäß das Lernen im Internat eigentlich noch ist:
 

Erleben Internate tatsächlich einen Imagewandel?

Früher gab es zwei Hauptgründe für den Besuch eines Internats: Entweder war es eine Frage der Herkunft und so gehörte es schlichtweg schon seit Generationen zum guten Ton, dass die Sprösslinge einer Familie ihre Ausbildung selbstverständlich in einem elitären Internat absolvierten.

Oder der Nachwuchs brachte schlechte Noten mit nach Hause und legte ein auffälliges Verhalten an den Tag und wurde deshalb aufs Internat geschickt. Heute scheinen Internate noch eine weitere Zielgruppe gefunden zu haben. In Zeiten, in denen es zunehmend mehr Alleinerziehende gibt, immer mehr Kinder in Patchwork-Familien groß werden und Verhaltensauffälligkeiten sowie psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter keine seltene Ausnahmeerscheinung mehr zu sein scheinen, nehmen Eltern die Schule stärker in die Pflicht. Sie erwarten von den Lehrern, dass ihr Sprössling individuell gefördert wird.

Wird aus ihrer Sicht nicht genügend auf die persönlichen Belange und Eigenheiten des Nachwuchses eingegangen, wird die Kritik an der öffentlichen Schule und dem vermeintlich maroden Bildungssystem lauter. Im Umkehrschluss steigt damit auch die Nachfrage nach Privatschulen und Internaten.  

Ein renommiertes Internat als Karrieresprungbrett?

Viele Eltern sind fest davon überzeugt, dass es den Lebenslauf enorm aufwertet, wenn der Nachwuchs ein renommiertes Internat erfolgreich absolviert hat. Vor allem Familien aus der Mittelschicht erhoffen sich häufig außerdem, dadurch den Zugang zu wohlhabenden Elite zu finden.

Deshalb sind sie oft bereit, bis an ihre finanziellen Belastungsgrenzen zu gehen, um dem Nachwuchs eben jene besonders gute Ausbildung an einer Einrichtung zu ermöglichen, die schon große Persönlichkeiten aus der Wirtschaft oder der Politik besucht haben. Aber auch ein Internat wird nicht allein dadurch zum guten Internat, dass die Ausbildung viel Geld kostet oder namhafte Berühmtheiten zu den Absolventen gehören. Wie in jeder anderen Schule auch, steht und fällt die Qualität mit dem pädagogischen Konzept.

Das bedeutet, ein Internat braucht motivierte Lehrkräfte, die sich engagieren, die Schülern fördern und hinter den Zielen der Bildungseinrichtung stehen. Die Klassen müssen so zusammengesetzt sein, dass sich ein möglichst einheitliches Leistungsniveau ergibt.

Auch die Idee, dass das Zusammenleben mit anderen Schülern und Pädagogen, weit weg von den möglichen Ablenkungen im vertrauten Umfeld, die Sozialkompetenzen fördern und vertiefen kann, funktioniert nur, wenn es sich um ein gelebtes Leitbild handelt. Bloß weil Schüler in einem Wohnheim untergebracht sind, das direkt an die Schulräume angrenzt, und nur weil regelmäßig Gemeinschaftsaufgaben und -aktivitäten auf dem Programm stehen, werden Schüler nicht automatisch zu verantwortungsbewussten Menschen mit ausgeprägten Soft Skills. 

Welche Ausrichtung haben Schwerpunktinternate?

Neben allgemeinbildenden Internaten gibt es auch Schwerpunktinternate. Sie konzentrieren sich auf bestimmte Bereiche. Spezialinternate für Musik beispielsweise fördern eine musikalische Ausbildung, in deren Rahmen der Schüler mindestens ein Instrument erlernt.

Während sich auf einem Sportinternat alles um den Sport dreht, trägt ein Spezialinternat für Fremdsprachen der globalisierten Weltwirtschaft Rechnung. Hier erwirbt der Schüler nicht nur Fremdsprachenkenntnisse und absolviert seine Ausbildung in mindestens zwei Sprachen, sondern wird durch die Zusammenarbeit mit ausländischen Schulen und entsprechenden Schüleraustauschen auch in Sachen interkulturelle Kompetenzen gefördert. Religiös ausgerichtete Internate bereiten auf den kirchlichen Dienst vor, während bei Internaten für angehende Führungskräfte und Manager Fächer wie Rhetorik, Selbstvermarktung und Analytisches Denken auf dem Lehrplan stehen.

Daneben gibt es Internate, die entgegen dem Trend zu moderner Technik auf das Handwerk ausgerichtet sind. In Werkstätten und Ateliers lernen die Schüler von der Pieke auf und in solider Handarbeit beispielsweise Korbwaren zu flechten, Schmuckstücke anzufertigen, Töpferwaren zu formen oder Möbel und Einrichtungsgegenstände herzustellen.

Bei vielen dieser Internate beenden die Schüler bzw. Azubis ihre Laufbahn mit einem regulären Berufsabschluss. Gerade in alten Handwerksberufen haben Azubis oft gar keine andere Wahl, als ein Internat zu besuchen, denn die Berufe werden nur noch an sehr wenigen Stätten ausgebildet.   

Lernen im Internat – ist das noch zeitgemäß?

Wie sinnvoll es ist, den Nachwuchs auf ein Internat zu schicken, lässt sich nicht pauschal und allgemeingültig beantworten. Möchte jemand einen bestimmten Beruf erlernen, der es mit sich bringt, dass der Azubi in einer entsprechenden Bildungseinrichtung wohnt, ergibt sich ohnehin keine andere Möglichkeit.

Staatliche Internate, die speziell für Kinder mit Lernschwächen oder verhaltensauffällige Schüler ausgelegt sind, können in der Tat eine große Chance sein. Das Herausnehmen aus dem gewohnten, teils schwierigen Umfeld in Kombination mit einer intensiven Betreuung und individuellen Förderung kann den Weg für eine solide Ausbildung und ein geordnetes Leben ebnen.

Voraussetzung ist aber immer, dass sowohl der Schüler oder Azubi als auch die Eltern ihren Teil dazu beitragen. Auch das beste Internat kann seinen Bildungs- und Erziehungsauftrag nicht alleine bewältigen. Dies wiederum gilt für öffentliche Schulen vor Ort ganz genauso. Bildung kann somit nur dann funktionieren, wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen.

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